Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Vom Grusel und der Gegenwehr

Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt zwischen dem Wissen, was man zu tun hat, und dem Handeln, das darauf folgt. Und manchmal kann sich dazwischen eine unendliche Ebene ausbreiten.“
(David Levithan: Noahs Kuss)

Ich war nie gut darin, mich zu wehren. Eigentlich war ich immer besser im einstecken oder darin, die zweite Wange hinzuhalten. Das mag zum einen daran liegen, dass ich leider nicht der mutigste Mensch auf dieser Welt bin. Zum anderen bin ich über alle Maßen friedfertig. Aber ich habe mich in der letzten Zeit verändert. Ich werde mir selbst bewusster und weiß um Schwächen und Stärken. In den meisten Momenten ist mir bewusst, dass ich auch mit Fehlern grundsätzlich (einigermaßen) liebenswert bin. Zwar gibt es immer wieder auch schlechte Momente, allerdings sind diese wesentlich seltener vertreten als bis vor ein paar Monaten und Jahren. Es ist trotzdem ein bisschen peinlich zuzugeben, dass ich erst 30 Jahre alt werden musste, bis ich mich getraut habe, mich zu verteidigen. Ich lerne es, mich abzugrenzen, mich von Dingen zu distanzieren, die ich nicht will und das deutlich zu vertreten.

Vor über einem Jahr hat mich jemand per Telefon terrorisiert. Dabei waren die nächtlichen Anrufe aber noch mein kleinstes Problem. Als schwieriger erwiesen sich für mich die zahlreichen Text-, Bild- und Videonachrichten, die mir der unbekannte Absender zu jeder Tages- und Nachtzeit zukommen ließ. Sexuell bin ich wenig zu schocken. „Sha.des of Gr.ey“ ist für mich ein (unfassbar schlecht geschriebenes) klischeebeladenes Buch, das BDSM im Kern seiner Sache nicht begreift. Anfangs konnte ich sexuelle Nachrichten von der mir unbekannten Nummer demnach noch mit Humor nehmen und ignorieren. Als dann Bilder von dem Penis des Absenders, kurze Pornos und Textnachrichten, die sich gezielt auf mich bezogen, folgten, wurde es allerdings gruseliger. Und ernst nahm ich es ab dem Zeitpunkt, zu dem Bilder folgten, die … für die ich heute noch keine Worte finde. Eines ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Eine von Kopf bis Fuß aufgespießte Frau, die gefesselt und vollkommen nackt über einem brennenden Feuer … brät.

Nun bin ich, freundlich formuliert, nicht unbedingt ein unbeschriebenes Blatt, was Übergriffigkeit in sexueller Hinsicht angeht. Das hat es mir einerseits noch schwerer gemacht, dagegen anzugehen. Denn mir war bewusst, dass es einiges in mir aufwühlen wird, wenn ich beginne, mich damit auseinanderzusetzen und dagegen vorzugehen. Andererseits war es genau das, was mir die nötige Wut gab, zur Polizei zu marschieren und das zur Anzeige zu bringen. Denn ich mag mir nicht mehr alles gefallen lassen. Ich möchte gut behandelt werden. Das bin ich mir selbst schuldig und das bin ich auch wert.

Die Reaktionen bei der Polizei waren für mich eher schwierig: Von Polizisten fühlte ich mich eher belächelt. Ich solle das einfach aussitzen, den Besitzer der Nummer nur einmal auffordern, seine Anrufe und Nachrichten zu unterlassen und ihn dann ignorieren. Das half mir wenig: Vor allem weil aus den Nachrichten deutlich hervorging, dass ich nicht unbeobachtet war. Und zu wissen, dass man beobachtet wird und gleichzeitig mit sexuellen Phantasien konfrontiert zu werden, die gewalttätig bis blutig sind und sich direkt auf einen selbst beziehen, ist... beängstigend. Außerdem wurde mir mehrfach empfohlen, doch einfach die Telefonnummer des Absenders zu sperren. Aber das konnte ich nicht. Es mag seltsam klingen und nicht nachvollziehbar sein, aber indem ich die Nachrichten zuließ, hatte ich das Gefühl, den Absender wenigstens noch zu einem kleinen Teil kontrollieren zu können. Wer mir gerade Pornos und Bilder schickt, steht zumindest nicht gleich hinter der nächsten Ecke und wartet auf mich. Zumindest stellte ich mir das damals so vor. Ich hatte Angst, den Absender, in dem ich seine Nummer sperre, zu drastischeren Maßnahmen zu zwingen.

Schließlich reichte man mich in der Polizeiwache an eine Beamtin weiter, die mich ernst nahm. Besonders dankbar war ich dafür, dass sie verstehen konnte, warum ich das anzeigen möchte. Von einer Anzeige wegen sexueller Belästigung riet sie mir ab. Diese würde mit hoher Wahrscheinlichkeit einfach eingestellt werden. Stattdessen erstattete ich also Anzeige wegen Beleidigung. Besonders viel Hoffnung machte mir die Polizistin nicht: Um die Nummer des Absenders herauszufinden, bräuchte man einen Beschluss der Sta.atsa.nwalts.chaft. Diese müsste den Fall dazu als dringlich erachten. So verließ ich das Amt eher resigniert. Irgendwann verstummten die Anrufe und Nachrichten. Begannen noch einmal, kurz bevor ich, Wochen später, zur Zweitaussage geladen wurde. Bei diesem Termin erfuhr ich den Namen desjenigen, der mir schrieb. Man befragte mich zu meinem Verhältnis zu ihm und erzählte mir, dass er einer Vorladung nicht gefolgt wäre und man sich darum kümmern werde.

Vor kurzem hatte ich einen Brief im Briefkasten, der mich darüber informierte, dass das Verfahren eingestellt worden ist. Der Beschuldigte konnte ermittelt werden. Er ist alkohol- und medikamentenabhängig, weshalb davon auszugehen ist, dass er sich zum Zeitpunkt der Taten in psychischen Ausnahmesituationen befunden hat und nur eingeschränkt schuldfähig beziehungsweise schuldunfähig ist. Er wäre durch seine Vernehmung und das Strafverfahren hinreichend gewarnt worden. Weiterhin befände er sich zurzeit in der geschlossenen Psychiatrie. Von einer weiteren Strafverfolgung werde abgesehen.

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